Eine Perle unserer Schwarzmeerküste
“Ja, eine seltene Perle, deren Wert wir gar nicht recht erkennen, die wir bis vor kurzem geringgeschätzt und nicht einmal als unseren Besitz angesehen haben. Seit Urzeiten, seit Asparuch es den
Byzantinern abnahm, war das so herrlich über den grünen Wogen an das Gestade des Schwarzen Meeres gebettete bulgarische Warna für uns eine fremde Stadt mit fremder Physiognomie, fremden Belangen und fremder
Seele. Und jeder Bulgare, der Warna zum erstenmal besucht, wird nach seinem anfänglichen Eindruck erschüttert und betrübt sagen: Das ist keine bulgarische Stadt, hier leben ja gar keine Bulgaren!
So sprach auch ich am ersten Tage bei einem Gang durch Warna, nachdem ich meine Reisetasche im Hotel „Rossija“ abgestellt hatte. Dieses Hotel hat trotz seines Namens nichts Russisches noch
überhaupt etwas Slawisches oder Bulgarisches. Sein Besitzer ist Ungar, seine Frau Ungarin, was ihr der schmackhaften Speisen wegen, die sie zubereitet, verziehen sei; die Angestellten sind Griechen, die Gäste bei
Tisch ebenfalls Griechen und Italiener, eine Deutsche bedient als Kellnerin.
Ich beschloss, zunächst den vielgepriesenen „Meeresgarten” zu besuchen. Die Straße, die Geschäfte und die kleinen Handwerkerläden trugen bulgarische Aufschriften, aber als ich die Leute dort
nach dem Weg zu dem Park fragte, antworteten sie türkisch, griechisch oder in einem unverständlichen Bulgarisch, wobei sie mir die Richtung wiesen, in die ich zu gehen hatte.
Ich verlor sie bald und geriet an eine Kaffeestube mit der merkwürdigen Inschrift über der Tür „Neutrales Cafe“. Auf meine erneute Frage nach dem Meeresgarten erwiderte der ehrbare dicke Wirt,
der in „neutraler Stellung" - weder wach noch schlafend - barhaupt auf einer Bank neben dem Eingang saß, halb in gebrochenem Bulgarisch, halb türkisch: „Meeresgarten? Bu sokak tut!" Und er zeigte auf
eine schmale Straße. Der Mann war ein Gagause, wie ich wohl merkte.
Nach seiner Anweisung kam ich schließlich am Strand heraus. Um keine weiteren Enttäuschungen zu erleben, fragte ich jetzt einen Türken, einen Gepäckträger, gleich auf türkisch. Er gab mir in
derselben Sprache Bescheid: „Dorthin musst du gehen. Da ist das, was du suchst.“
Ich gelangte vor einen gelben Bretterzaun um einen weiten, laubreichen Park direkt am Meer. Aber ich sah keinen Eingang.
So fragte ich einen abgerissenen Bengel, wieder auf türkisch:
„Wie kommt man in den Park?“
„Geh dort um die Ecke, da siehst du das offene Tor“, erwiderte der Junge, ebenfalls türkisch, wobei er mich neugierig musterte, da er in mir den Fremden erkannte.
Ich wollte gern erfahren, ob er Armenier, Grieche oder Gagause sei, und erkundigte mich danach - auf türkisch.
„Bulgar!“ sagte er.
Ich bekenne, dass mich diese Antwort so freute, als hätte ich sie in Nagasaki oder in Rio de Janeiro gehört. Und ich fragte unwillkürlich auf bulgarisch:
„Warum sprichst du dann nicht bulgarisch?“
„Warum sprichst du denn türkisch?“ entgegnete der Junge verschmitzt.
Ich gab ihm zwanzig Stotinki zum Dank dafür, dass er Bulgare war.”
Ivan Vasov, “Im Schoße der Rhodopen”, Rütten & Loening, 1982, Berlin
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