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Der bulgarische Mann
“So wie Sie ihn auf der Straße treffen, könnte er blond, brünett oder schwarzhaarig sein, elegant oder sportlich gekleidet – in seinen Gedanken ist er Maximalist, in seinem Handeln
Kavalier. Ein Hauptkriterium für männliches Benehmen ist nicht nur Trinkfestigkeit allgemein, sondern insbesondere lang anhaltendes Trinken. Bezüglich dieses „männlichen“ Kriteriums sind die
Deutschen ein Spottobjekt: „Was für ein Mann ist er, wenn ihn 50 Gramm Schnaps schon wacklig machen?“
Auch das Essen ist ein Merkmal der Männlichkeit. Viel essen bedeutet viel Kraft. „Das Essen entscheidet den Kampf“, sagt ein altes bulgarisches Sprichwort. Kräftiges Essen und Trinken
haben noch eine andere Beziehung: „Wie du isst und trinkst, so liebst du auch. Denn was bleibt dem Menschen sonst übrig vom Leben außer Essen, Trinken und die Liebe“, so lautet die feste
Ăśberzeugung der Bulgaren.
In seiner Rolle als Liebhaber hält sich der Bulgare ohnehin für unschlagbar. Er ist stolz, dass von seiner ganzen Arbeit das Schönste seine Kinder sind, und er ergänzt mit Humor, „weil
ich sie nicht mit den Händen gemacht habe“.
Kaum ein anderes Volk hat mehr Sexualwitze als das bulgarische. Das Sexualmotiv beherrscht das Denken und Verhalten des Mannes, und zwar so hochgradig, dass er, egal wovon die Rede ist,
allem Gesagten eine Doppeldeutigkeit unterschiebt. Natürlich legt er auch seine Antworten daraufhin zurecht. Auf die harmlose Frage: „Hast du gut geschlafen?“, könnte er antworten: „Ja, weil ich
nicht geschlafen habe.“ Und ein anderer mag ergänzen: „Denn vom Schlafen bleiben keine Erinnerungen.“ Die bekannte Devise: „Man kann nicht alle gute Bücher der Welt lesen, aber man muss danach
streben“, wandert der lesefreudige Bulgare bei allem Respekt vor der ursprünglichen Bedeutung um in: „Man kann nicht mit allen schönen Frauen der Welt schlafen, aber man muss es versuchen.“
Ausländerinnen sind schockiert, dass sie bereits nach einem 3-Minuten-Gespräch von einem Bulgaren hören: „Wo sehen wir uns heute abend? Gehen wir etwas trinken? Du gefällst mit sehr. So eine Frau
treffe ich das erste Mal in meinem Leben!“ Immer wieder hörte ich Klagen von Urlauberinnen, die sich davon belästigt fühlten. Als ich einmal längere Zeit nicht in Bulgarien war, hatte ich die
„natürlichen“ Schutz- und Abwehrreaktionen, wie sie jede Bulgarin perfekt beherrscht, vergessen. Es bedurfte erst einiger „schockierender“ Erlebnisse, bis ich wieder in Form war und auch
humorvoll reagieren konnte.
Hier muss ich mich beeilen, die erschreckten Damen zu beruhigen. Dieses direkte und manchmal aggressive Anmachen kann man nämlich auch als Kompliment auffassen. Die komplizierte Psyche des
bulgarischen Mannes verlangt, dass er sich vor einer Frau stets von seiner eigenen Männlichkeit überzeugt. Nichts wäre schlimmer für ihn, als für homosexuell (Pedärast) gehalten zu werden. Deshalb
gilt Päderast als die schlimmste Beleidigung; als ein Mann, der – und hier möchte ich nicht so direkt wie die Bulgaren sein – keinen Beischlaf mehr ausüben kann. So ist es für einen Bulgaren auch
die größte Schande, wenn seine Frau fremdgeht, denn dann wäre ein anderer im Bett besser als er.
Jedenfalls fühlt sich der Bulgare verpflichtet, als Kavalier auch seine sexuellen Dienste anzubieten. Wenn es klappt, hat er ein Abenteuer mehr, wenn nicht, hat er seine männliche Ehre in
den eigenen Augen gerettet – und war eben nur Kavalier. In dieser Rolle reicht er die Hand beim Aussteigen aus der Bahn; trägt das schwere Gepäck zur nächsten Haltestelle, Telefonzelle oder zum
nächstgelegenen Taxistand; er lässt ihr den Vortritt, rückt den Stuhl zurecht, bietet Feuer (samt Zigarette) und bezahlt am Ende die Rechnung.
Wie die Auserwählte reagiert, hängt von ihr selbst ab, aber auf keinen Fall darf es grob sein. Das würde er als Verletzung der männlichen Würde verstehen. Sehen Sie es am besten von der
guten Seite. Der bulgarische Mann ist wirklich ein Kavalier, ein nostalgischer Don Juan, wie er bei uns schon längst gestorben ist.”
Engelbrecht, Elena und Ralf, Bulgarien-Handbuch, Reise Know-How Verlag Peter Rump GmbH, 1999
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